Schrebergartensoul-Sänger erhält Preis für konspirativen Bimbam

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Goldenes Brett Tophäe

In Wien wurde gestern von Skeptikern das Goldene Brett für ganz „besondere“ Leistungen in puncto Weltbild verliehen. Gewonnen hat Xavier Naidoo – und das völlig verdient. Eine Laudatio.

Er sieht aus wie ein harmloser Schrebergärtner, wie er einem mit seinen pastellfarbenen Rentnerklamotten und der Nick-Knatteron-Mütze so entgegenblickt, und auch seine Musik untermauert dieses Image. Aber im Innenleben des Betroffenheits-Schrebergärtner-Deutschsoul-Sängers Xavier Naidoo brodelt es gewaltig. Mit biblischem Zorn, einem Fokus auf, wenn überhaupt Schläue, Bauernschläue und der Sehnsucht nach ganzheitlich-simplifizierten und spektakulären Schuldspruch-Lösungen ist Naidoo seit Anfang der 2000er Jahre im Rennen – damals war er noch Backgroundsänger für Schwester S(abrina Setlur) aus der Rödelheim-Hartreim-Posse. Dann hat er irgendwann erfolgreiche Soloalben veröffentlicht, deren Videos auf Viva von Mola und Tobi anmoderiert wurden, und weil es immer noch schlimmer geht hat er die Söhne Mannheims gegründet, und Platten gemacht, die immer die gleichen Buchstaben im Titel hatten, Zion und Noiz und noch irgendwas. Die meiste Zeit ging es um den Heiland und irgendwelche auto-messianische Phantasien. Die Apokalypse wird nämlich kommen, Alter, der Turm von Babylon muss brennen, Diggi, wir wollen alle-alle-alle in den Himmel, und überhaupt: wir sind die Krieger des Lichts, wir haben unseren Coelho gelesen, wir sind aber auch ein bisschen wütend! Dass wir furchtbare Musik machen, möge der Heiland uns nachsehen.

Plakative Religiösität und messianisches Sendungsbewusstsein sind an sich schon nichts für angenehme Zeitgenossen, wäre es aber dabei geblieben, hätte man Naidoo wohl auch weiterhin dezent ignorieren, vielleicht gar vergessen können. Just one more average Nutjob: aber denkste! Wohlgemerkt: manches, was er so von sich gegeben hat, war nicht einmal mehr Alufolienhut-lustig, sondern einfach nur noch unterirdisch. Im Duett mit Kool Savas beispielsweise stellte er die Frage, warum Homosexuelle das weibliche Geschlechtsorgan nicht begehren, wo doch jeder aus selbigem stammt. Ja, sogar für derartige homophobe Totalausfälle war sich der Antigone Babylons nicht zu schade.

Aber nein, der Weg des Herren macht nicht Halt in der Karriere des Xavier Naidoo: und so fiel er in den letzten Jahren zwar Jesus sei Dank nicht mehr durch seinen Schrebergärtner-Soul, aber durch seine Liebe zu Verschwörungstheorien auf (wie wir gehirngewaschenen Menschen das nennen). Kurzfassung gefällig? Deutschland ist noch immer besetzt, die Apokalypse ist längst derbe am Start, Xavier redet auch auf Demos von Zeitgenossen bräunster Coleur, weil sein Idol Jesus ist und der auch niemanden ausgeschlossen hat (allerdings dürfte Jesus auch selten auf Nazi-Demos aufgetreten sein). Er ist selbsternannter Rassist aber ohne Hautfarbe, möchte lieber seine Heimatstadt Mannheim retten als Ausländer und überhaupt steckt eine zentralorganisierte dunkle Macht hinter allem Bösen. Naidoo, der ultraorthodoxe Christ, verortet natürlich DAS Böse: ein schwammiges Konglomerat aus Ideen, Theorien und Binsenweisheiten.

Alles hoch wissenschaftlich, neutral, belegbar und wohldurchwacht.

Und weil sowohl ich als auch das kotzende Einhorn von den Illuminati, den Bilderbergern, den Banken, allen denkbaren Logen sowie von der Kelly Family gebrainwashed wurden, gratulieren wir Xavier Naidoo hiermit herzlich zum Goldenen Brett – und noch viel mehr den Machern der Awards, niemand – Impfgegner, Gesundheitsminister, Tom Cruise, keiner hätte ihn mehr verdient.

(Gastbeitrag unseres Einhorn-Korrespondenten aus Wien.)



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