Magazine aus dem Magazin

Magazine aus dem Magazin (1) – Europäische Sicherheit & Technik

„Raus aus der Blase!“, so hieß es mahnend nach dem Sieg der Postfaktiker in den USA und Sachsen. Schließlich waren wir alle ein bisschen schuld an deren Durchmarsch. Klar, wenn man immer nur in 1 Internetz abhängt und naise antideutsche Witze macht vong Pollitick her, wird es nichts mit der Agitation der Massen. Wir müssen wieder Dinge lesen, die wir gar nicht lesen wollen! Jasper Nicolaisen nimmt es auf sich und studiert jeden Monat eine von den Zeitungen, die in der Bibliothek immer hinter diesen komischen Fächern mit Plexiglasscheiben liegen.

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Diesmal: „Europäische Sicherheit & Technik“

Achtung, nicht auf den Titel gucken! Zeitung einmal durchblättern – na, was glaubst du, wie das Blatt heißt?

„FDP-Politker der 70er und ihre liebsten Mörsergranaten – das große Stickeralbum“.

In Wahrheit aber: „Europäische Sicherheit & Technik“ Ausgabe 12/2016.

JAOK, ich war aber nahe dran. Das Heft besteht gefühlt nur aus Kästen, aus denen sehr graue Männer in scharf gebügelten Zweireihern blitzen. Das einzig farbige sind die Zähne. Was die Männer in den Kästen sagen, keine Ahnung. Ich bin immer nach dem ersten Satz eingeschlafen. Durch meine unruhigen Träume wehten Sätze, in denen es viel um Verantwortung, Realität, Augenmaß und internationale Fickbeziehungen ging. Oder, nee, halt. Das mit dem Ficken ist aus meinem Unterbewusstsein.

Wenn keine Männer kommen, dann sieht man alles, was das Diktatorenherz erfreut. Außer Rennpferden, Rennautos und Rennfrauen. Also Schlachtschiffe, Panzer, Granatwerfer, Düsenflugzeuge und viel anderes Bumm-Bumm-Vroom-Vroom. Nur alles sehr ungeil, unterkühlt, fast gelangweilt präsentiert. Weitestmögliche Distanz zu Militärquartett-Ästhetik. Wie in so Fetischmagazinen, in denen sich die Frauen bewusst nicht für den Betrachter interessieren und sich die Nägel machen. Großgerät-Demütigungsporn für den kleinen Verfassungspatrioten von heute. Zwischendurch zum Runterkommen ein paar Tortengrafiken. Und wenn das nicht die verklemmteste Art ist, „ficken“ zu sagen, weiß ich auch nicht.

Womit sich die Anschlussfrage an das Magazin auch beantwortet hätte: kommt Sex vor?

Wenn man sich nicht regelmäßig auf Listen mit Panzerakronymen einen runterholt, muss man schon sehr genau hinsehen. Ein einziges Foto habe ich gefunden, wo im Hintergrund eine Kraftwerkkuppel mit einem Metallpickel drauf schwillt. Hat vielleicht der Praktikant reingeschmuggelt.

Gibt es Plattenkritiken?

Nein. Nur Buchkritiken. Geschichte des 19. Jahrhunderts und irgendwas mit Globalisierung in aufschlussreichen Heatmaps, die Sie selber zu Hause in Turbo-Pascal nachbauen können! Was es in dem Heft übrigens auch nicht gibt, sind Frauen. Doch, halt. Eine Autorin habe ich entdecken können.

Was glaubst du, wer liest das? Militärs?

Glaub gar nicht mal. Das ganze Heft sagt: Waffen dürfen keinen Spaß machen. Krieg muss manchmal leider sein, aber nur mit ganz sauberen Durchschüssen in so wenig Leute wie möglich. Und auch nur da, wo die Menschen ihre Rohstoffe ganz bestimmt nicht freiwillig hergeben wollen. Auch nicht im Tausch gegen fast fabrikneue Kohlekraftwerke. Ich tippe auf Lehrer – Sozialkunde und Sport, Leutnant der Reserve.

Nazis?

Auf gar keinen Fall. Vermute hier starke FDP und SPD-Abonnentengruppen.

Wie sähe die Welt aus, wenn sie so wäre, wie in diesem Heft beschrieben?

Die Würde des Menschen wäre unantastbar, und das würde von Herrn in dunkeln getäfelten Sitzungsräumen überwacht, die bedenklich nickend Pfeife rauchen. Ihr Dekrete gingen per Fax an Socken-und-Sandalen tragende Informatiker, die alles auf Whiteboards malen würden. Alle hätten pünktlich um 17 Uhr Feierabend und gingen danach auf einen Schoppen Leibesertüchtigung ins Ehebett. Die Welt wäre wie die DDR in einem westdeutschen Buch, das ein aufrechter Pionier in einem DDR-Buch liest.

Empfehlung?

Komischerweise fand ich es trotz der unlesbaren Texte ganz gut. Das Heft ist so aus der Zeit gefallen, weil es wirklich das komplette Gegenteil zum Postfaktischen ist. Man muss es gar nicht lesen, um sich von einem Hauch Vernunftglauben anwehen zu lassen. Ich empfehle allen, die manchmal ein bisschen verzweifelt sind, sich eine Ausgabe zuzulegen, und sie irgendwo auf einen Großvatersessel zu deponieren. Wenn die Welt zu doll weh tut, kann man rüberschielen und denken: „Früher, so 12/2016, da hat man wohl noch geglaubt, wenn man etwas nur richtig erklärt, dann muss es ja auch so akzeptiert werden. Aber andererseits war dieses Früher auch voller Kriegsmaschinerie. Schwierig!“ Man setzt sich eine angenehmen Zwiespältigkeit aus, ohne was zu riskieren.

Kostet?

8 Euro 30. Also ziemlich teuer für den Spaß.

Alternativen in unserer Welt?

Bahamas. Ganz ohne Bilder, aber genau so unlesbar und mit einem ähnlich unbehaglichen Fühl, dass nicht alles an dem Blatt schlecht ist, aber irgendwie würde man doch lieber knutschen.



    Ein Kommentar:

  • Martin Däniken schreibt am 29. Januar 2017 um 08:37

    Empfehle ergänzend die Ausbildungs- und Informationsfilme der bundeswehr…
    Speziell das s/w Material hat einen gewissen Charme!

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