Magazine aus dem Magazin (2) – der architekt

„Raus aus der Blase!“, so hieß es mahnend nach dem Sieg der Postfaktiker in den USA und Sachsen. Schließlich waren wir alle ein bisschen schuld an deren Durchmarsch. Klar, wenn man immer nur in 1 Internetz abhängt und naise antideutsche Witze macht vong Pollitick her, wird es nichts mit der Agitation der Massen. Wir müssen wieder Dinge lesen, die wir gar nicht lesen wollen! Jasper Nicolaisen nimmt es auf sich und studiert jeden Monat eine von den Zeitungen, die in der Bibliothek immer hinter diesen komischen Fächern mit Plexiglasscheiben liegen.

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Diesmal: „der architekt“ Ausgabe: egal.

Achtung, nicht auf den Titel gucken! Zeitung einmal durchblättern – na, was glaubst du, wie das Blatt heißt?

Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um über die Zeitschrift „brand eins“ zu sprechen. Übrigens: wird alles klein geschrieben, was ich sage? Ich finde Großschreibung so furchtbar prätentiös. Da war man in den 50ern schon weiter! Und wenn das online geht, dann bitte jetzt so seitlich reingeschoben ein Bild von einem Quader, ja?

Was für ein Quader denn?

Irgendeiner! Egal! Sei doch nicht immer so verkopft. Mach doch einfach mal. Lass dich affizieren. Emotion, Bauchgefühl, Erotik, ja: Sex. Was fällt dir zu diesen drei Wörtern ein?

Sind das nicht vier Wörter?

Deine Rationalität ist so 20. Jahrhundert!

Affizieren, affizieren. Klingt nach Affe.

„Sieben Affen, sieben Vulven, sieben Phalloi.“ Die Entzauberung des Menschen! (Sloterdijk). Ent-zauberung. Ent- zau- ber- rung, Ring, rang, rung. Gering. Ring-a-ding-dong.

Sag mal, geht’s dir nicht gut? Du bist heute so blöd.

Aber vielleicht ist blöd das neue klug? Oder wenigstens umami? Wird auch alles klein geschrieben, was ich sage?

Äh, ja, klar. Also, die Zeitung heißt „der architekt. zeitschrift des bundes deutscher architekten (BDA).“

Ich möchte jetzt über „brand eins“ sprechen.

Heißt das, wenn du nur mal so durchblätterst, ohne auf den Titel zu gucken, dann erinnert dich die Zeitung an „brand eins“?

Na ja, eher so: unsere Schülerzeitung hat ein Make-Over vom Designteam von „brand eins“ gewonnen und der Werte und Normen – Leistungskurs von Herrn Färberschmidt macht die Titelstory zum Thema „Eingerückte Quader. Muss hier eigentlich alles so unbehaust sein?“

Klingt bemüht hip, ganz das Architektenklischee. Keine Überraschungen also?

Doch, voll! Das Irre ist, die Zeitung ist total bieder. Sowohl optisch als auch inhaltlich. Alles ist so blocksatzmäßig und umsonstzeitungshaft, also wirklich wie Schülerzeitung frisch aus den Nullern, und dann aber manchmal so ganz peppig ein Bild so reingeschoben vom Seitenrand, alles auf extredickem, supersaugfähigem Papier. Oder ein Farbfläche hintergelegt. So: brand eins ist wieder weg, das Layout macht wieder der Informatikkurs, und der Förderverein hat eine neue Indesign-Version springen lassen.

Und inhaltlich?

Da muss ich sagen: Holla die Waldfee! Hut ab! Chapeau. Was die Jungs und Mädels da aus dem Hut gezaubert haben, da geht dir der Hut hoch. Was haben die denn bitte für irre Drogen genommen und kann ich auch was davon kriegen? Ich geb dir mal ein Beispiel: ich geb dir zwei Beispiele. Das erste ist eine „Strecke“ vorn im Heft, wo neue Sachen vorgestellt werden, also neue Bücher, Platten, Designertassen und Gemälde. Eine von den Spalten stellt aber vor: ein Croissant! So als wär das ein Lifestyle-Produkt. Witzig, oder? Und die letzte Spalte ist: eine Kurzgeschichte.

Ja, Hammer. Nervt ja gar nicht. Und das zweite Beispiel?

Das Witzige ist ja, es geht in dem Heft gar nicht um Architektur. Das kapiert man aber relativ spät, weil doch erst mal viel über Häuser und Städte geschrieben wird. Die langen Artikel drehen sich aber dann alle um „Empathie“, „Resilienzen“ und „Erotik“ von Städten.

Die Stadt quasi als Spiegelbild des …

Ja ja, bla bla, lass uns von was anderem reden. Es gibt auch Plattenkritiken.

Ach ja?

Ja. Der Artikel beginnt so: „Wen man sich auf die Suche nach den neuen Soul Rebels macht, kommt man an Hmhmhm nicht vorbei“.

Hmhmhm?

Ja, ach, was weiß ich. Irgend so eine Band halt. Scheiß drauf. Fick das. Ich mache mir doch keine Notizen wir irgend so ein Journalistenheini von der Wichsi-Nannen-Abspritzschule. Ich bin mehr so die Resilienz des Journalismus.

Was glaubst du, wer liest das?

Arschitekten.

O Gott.

Hihi.

Wie sähe die Welt aus, wenn sie so wäre, wie in diesem Heft beschrieben?

Genau so wie jetzt. Wenn man wissen will, wieso wir so leben, wie wir leben, nämlich in so hässlichen Scheißkästen, die schon die Betonvulven klaffen lassen, um von der Pentrifizierung so richtig sodomisiert zu werden, der muss mit diesem medialen Hype steiler gehen als MacGyver.

Empfehlung?

Unbedingst, sprach die Sphinx.

Kostet?

Kriegt man umsonst, wenn man im BDA ist. Und wenn nicht gilt wie immer: Hast du keinen, hol dir einen. Hier bitte ein Bild von einer Kugel unter einem Wasserfall einfügen.

Alternativen in unserer Welt?

Hier, dings. Wie heiße die noch mal? Junge Freiheit? Nee. Junge Welt? Auch nicht. Na, die, auf die der Lehrsatz von Carl Schmitt zutritt, dass der Feind an sich etwas anderes sei als der Feind für sich. Krieg in den Städten! Und dann eine Bilderstrecke über Handykids aus Hamburg, kontrastiert mit so Elendskindern aus Aleppo.

Süddeutsche? Zeit?

Ach nee, ich hab’s: Der Freitag,.

Ich glaube, mir wird schlecht.

A propos schlecht: diese Zeitschrift sprengt wirklich „die Fesseln des Prosaischen, des Ungenügenden, ja der ganz banalen Höflichkeit, so dass Konformität zum Chaos gerät und Imitation zur Idiosynkrasie.“ (Mark Greif)

Bitte verlasse uns.

Auf der Suche nach den neuen Soul Rebels kommt man an mir …

[ein unbehauster Qauder mit einem eingemeißelten Zitat von Agamben fällt vom Himmel und erschlägt den Rezensenten].



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