Political Clickbait – Der Rechtsruck der NZZ

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Mit Rechten reden

Die Neue Züricher Zeitung (NZZ) ist ein traditionsreiches Blatt. Bereits seit 1780 erscheint das Blatt nun und hat eigentlich den Ruf eines bürgerlich-liberalen Blattes.

Das änderte sich ab 2015 mit der Einberufung des konservativen Eric Gujer als Chefredakteur. Ab 2016 sorgt auch der Feuilletonchef René Scheu für die Neuausrichtung des Blattes, die immer wieder bestritten wird.

2017 wollten viele Redakteur*innen den politischen Richtungswechsel des Blattes nicht mittragen und verließen die Zeitung. Eine von ihnen war die Journalistin Sieglinde Geisel, die nach 20 Jahren das Feuilleton verließ, weil ihrer Ansicht nach zunehmend rechte Meinungen und ein “giftiger” Ton die Kommentare bestimmen würde.

Chefredakteur Gujer verteidigt die rechtskonservativen Inhalte als Meinungspluralismus. Auch die Zahlen geben ihm Recht, wo die NZZ im Print verliert, gewinnt sie online dazu.

Mittlerweile sieht sich die NZZ als Gegenangebot zu deutschen “Mainstream-Medien”, die mal komplett als “grün” gelabelt wurden. So ein Text im Juni dieses Jahres. Der Artikel von Wolfgang Bok ist ein Meinungsstück, das Fakten ignoriert und damit AfD-Wähler*innen genau so erreicht wie Hans-Georg “Es gab keine Hetzjagd” Maaßen.

Die Inhalte der NZZ provozieren und sorgen so für Klicks. Fridays-For-Future mit der Hitler-Jugend vergleichen? Kein Problem! Begriffe wie “Biodeutsche” droppen? Yes! Und so verteidigt Gujer wie auch schon vor zwei Jahren weiterhin die Ausrichtung des Blattes. Nein nein, nichts zu sehen, wir sind die Mitte. Nicht rechts. Wir kriegen auch von rechts Kritik, dann können wir ja gar nicht rechts sein.

Interessant an dem Ganzen ist, dass Gujer vermutlich wirklich so denkt und in erster Linie die Auflage und Verbreitung im Sinn hat. So beackert die NZZ immer öfter rechtspopulistische Themen für Deutschland. Logisch, dass damit die potentielle Leserschaft erweitert wird. Mehr Leser*innen als in der Schweiz gibt es im deutschsprachigen Raum schon, aber dafür müssen die Themen halt auch z.T. Deutschland-spezifisch werden. Um so steiler die Thesen um so besser die Klicks, denn Zustimmung wie Ablehnung verbreiten solche Artikel (weswegen in diesem Post kein einziges mal auf die NZZ direkt verlinkt wird!)

Gujer betreibt aus meiner Sicht genau das, was ich vor Jahren als “politischen Clickbait” betitelte und zu dem ich immer wieder kleinere Posts droppe. Mit provokanten Themen, vornehmlich von Rechts, werden die Klickzahlen und damit die Umsätze gesteigert. Nur Richard Schmitt, der ehemalige Chefredakteur von krone.at, ist da deutlicher.

Der Blick auf Zahlen statt Inhalte führt hierbei zu einer Normalisierung. Der NZZ hilft dabei, dass in der Schweiz mit der SVP eine nationalistische rechtspopulistische Partei seit 1999 die grösste Fraktion in der Bundesversammlung bildet. Ton und Vokabular, das die AfD hier versucht zu normalisieren, ist in der Schweiz bereits Normalität.

So muss sich das Medium auch gar nicht großartig verbiegen um AfD-Sprech in ihrem Feuilleton unterzubringen. Sie sollten sich allerdings bewusst sein wem sie damit dienen.

Um da mithalten zu können müssen deutsche Medien nachziehen. Da wird dann auch mal Alice Weidel als vermeintliche Klimaexpertin geladen.

Update 24.09.2019:
Philipp gab mir auf Twitter den Hinweis, dass die Zahlen der NZZ ebenfalls für die Ausrichtung Richtung Deutschland sprechen. Die Uniques nehmen zu während der Anteil Schweiz zurückgeht. Das scheint zu Bestätigen, dass zunehmend ein deutsches Publikum die NZZ liest.

Finde ich auch rechtlich interessant. Ein Presse-Angebot aus dem Ausland, das sich gezielt an den deutschen Markt wendet.

Korrektur:
Richard Schmitt ist seit August diesen Jahres nicht mehr bei krone.at, sondern zu oe24.at gewechselt. Desweiteren außereuropäisch bei Ausland gestrichen.



    5 Kommentare:

  • Tingletangle schreibt am 24. September 2019 um 11:20

    Ein schöner Artikel, an dem man exemplarisch ablesen kann, dass alles was “rechts” ist, auch automatisch böse ist. Die früher mal verwendete Differenzierung in “rechts” und “rechtsextrem” ist praktisch ausgestorben. Links gut, rechts böse. So einfach funktioniert das Weltbild der Linken. Das ist brandgefährlich.

  • Andreas Isenschmid schreibt am 24. September 2019 um 11:27

    Die NZZ ist rechtsbürgerlich, war sie immer schon, aber ihre Kommentare sind immer klar anti AfD, nur halt nicht so moralisierend wie die SZ. Was die Schweizer Innenpolitik angeht: niemand ist mehr für den Rahmenvertrag der CH mit der EU als die NZZ, niemand mehr dagegen als die SVP, die beiden haben in fast allen innenpolitischen Fragen das Heu nicht auf der gleichen Bühne. Ihr Kommentar ist, was die Schweiz angeht, ahnungslos.

  • Nora Köhler schreibt am 24. September 2019 um 12:10

    Eine Korrektur: Die Schweiz ist kein außereuropäisches Ausland, sie gehört nur nicht zur EU.

  • Daniel Decker
    Daniel schreibt am 24. September 2019 um 14:05

    @Tingletangle Ich bin tatsächlich kein Anhänger der Extremismustheorie. Das ist richtig erkannt.

  • Michael Offermann schreibt am 25. September 2019 um 13:06

    @Isenschmid: jede Zeitung hat unterschiedliche Stimmen, Ressorts teilweise gänzlich entgegengesetzte Ausrichtungen und arbeiten unabhängig voneinander. Es muss kein Widerspruch zur oben beschrieben Strategie sein, dass die CH-Berichterstattung anders ausgerichtet ist. Es ist aber nicht zu übersehen, dass die NZZ ganz gezielt in der Berichterstattung zu Deutschland und im Feuilleton die oben beschriebene Zielgruppe zu bedienen sucht. Auch mit einzelnen kritischen Kommentaren, die die AfD tadeln, wenn sie nach NZZ-Ansicht über’s Ziel hinausgeschossen ist. Boks faktenfreie Kommentare, die Beiträge von Cora Stephan oder Klaus-Rüdiger Mai oder das unkritische Interview mit Jordan Peterson zeigen die Tendenz.
    Das macht das ganze umso bitterer: die (trotz wirtschaftliberalem FDP-bias) informative Berichterstattung zur Schweiz und Ausland geht daneben in der Wahrnehmung unter. Ich glaube einige Redaktoren sind damit nicht glücklich. Abgänge vieler Redaktoren in den Ressorts Aussen, CH und Feuilleton illustrieren das.

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